Ohne Gesicht

Ohne Gesicht

von Irene Ibsen-Bille

Zu seinem 50. Geburtstag zieht sich der erfolgreiche Unternehmer Vincent Demalènes mit seiner Frau in ein einsames, nobles Hotel zurück. Demalènes steht auf dem Höhepunkt seiner Karriere, seine zwei Kinder gedeihen prächtig und seine 15 Jahre jüngere Ehefrau hält ihm den Rücken frei – alles zusammen mehr als ein Grund, zu feiern.
Aber es gibt einen dunklen Flecken im Leben der Demalènes, einen tragischen Autounfall, bei dem Vincents Zwillingsbruder Thomas zu Tode kam, und es gibt ein Geheimnis in Vincents Biographie, dessen Enthüllung das gemeinsame Leben radikal verändern würde. Louise ahnt, um was es geht, aber die Wahrheit aufzudecken, wäre für sie das Schlimmste, was passieren könnte. Doch genau das hat Vincent nun vor. Ein Kampf beginnt, der von beiden bis zum Äußersten geführt wird, denn Louise erweist sich als ein unerbittlicher Gegner.

Irene Ibsen-Bille, Enkelin von Henrik Ibsen, stellt in diesem Stück die Frage nach der Identität: Was macht unsere Einmaligkeit aus? Und wie werde ich für das anerkannt, was ich bin und wofür ich gelebt habe?

»Irene Ibsen-Bille (1901 bis 1985), Enkelin des Dramatikers Henrik Ibsen, hält sich an die Familientradition, Sehnsüchte und Verbrechen bloßzulegen und Seelenzergliederung zu betreiben. Der Autor Vincent eröffnet seiner Frau Luise, dass er bei einen Unfall vor 15 Jahren seine Identität gewechselt hat. Es sei in Wirklichkeit Vincent gestorben und nicht Zwillingsbruder Thomas. Fortan will er wieder als er selbst leben. Luise ist dagegen. Es folgen überreizte Szenen einer Scheinehe, Gewissheiten geraten ins Wanken. […] Heftiger Applaus.« StN, 06.03.10

»Bei diesem Stück muß man sehr genau hinhören, so verzwickt ist die Geschichte. Aber man tut das auch, denn ›Ohne Gesicht‹ von Irene Ibsen-Bille ist so fesselnd, dass man jedes Detail verstehen möchte. […] Luise und Vincent (oder Thomas?) laufen im Forumtheater über eine mit Kieselsteinen bedeckte Bühne. Bei jedem Schritt knirscht es mächtig, und so wird die Unbehaglichkeit des Zwiegesprächs von Vincent und Luise überdeutlich. Claudia Rüll Calame-Rosset hat vor kalte Metallwände nur ein langes Sofa auf die Bühne gestellt, auf dem sich ein furioser Schlagabtausch zwischen den Ehepartnern entwickelt. Es geht um Identität, deren Mangel Thomas schmerzlich empfindet, stand er doch stets im Schatten seines Bruders. Dieter Nelle schafft es, über achtzig Minuten im Bühnenraum eine gewaltige Spannung zwischen Vincent und Luise aufrechtzuerhalten. Maarten Güppertz gibt Vincent als einen verletzten und zugleich kämpfenden Menschen, und Martina Guse ist fulminant, wenn sie als verunsicherte Luise nur noch stammeln kann.« StZ, 08.03.10

»Die Stärke dieses Schauspiels ist ein fein ziseliertes Beziehungsgeflecht zwischen zwei permanent auftretenden und zwei nicht auftretenden, aber am Drama nicht weniger beteiligten Personen. Irene Ibsen-Bille […] benutzt in ihrem 1952 entstandenen Stück ein Zwillingspaar, um die Risse, die auch die bürgerliche Nachkriegsgesellschaft noch nicht überwunden hat, in aller Schärfe zu zeigen. Ein Mann ›ohne Gesicht‹ entdeckt an seinem fünfzigsten Geburtstag, dass der Sinn seines Überlebens nicht länger darin bestehen kann, eine Existenz der Selbstverleugnung, wie Luise sie von ihm verlangt, weiterzuführen. Was über diese Erkenntnis hinaus passiert ist und noch geschehen wird, bleibt ein Rätsel.
Dass uns das Stück bis zum Schluss in Atem hält, verdanken wir der Regie von Dieter Nelle, dem Spiel von Maarten Güppertz als Demalènes und Martina Guse als Luise Demalènes. Sie geben dem schnellen, von Wortgeklingel unbelasteten Dialog Stimme und Gebärde für die psychologischen Verästelungen. Die ständige Einmischung der Kieselgeräuschkulisse (Claudia Rüll Calame-Rosset) ist ein nerviger Hinweis aufs bürgerlich Versteinerte.« Kultur, April 10