Maria Stuart

Maria Stuart

von Dacia Maraini in Auseinandersetzung mit Friedrich Schiller

Zwei Frauen, Königinnen und Kusinen, die sich historisch nie begegnet sind, und die dennoch ihr Schicksal untrennbar verband. Die eine: unumstrittene Königin, als Kind am französischen Hof die verwöhnte Prinzessin, gefeierte Schönheit, von Männern umschwärmt – aber auch der ohnmächtige Spielball fremder Interessen. Die andere: als Bastard verschrien, nie sicher, aufrichtig geliebt zu werden, erst enterbt und Gefangene der eigenen Halbschwester, dann mächtig – aber zu Entscheidungen gezwungen, die ihr zuwider sind. Maria Stuart und Elisabeth I.
In Schillers überhöhter, dramatischer Sprache wird die von Maria ersehnte, von Elisabeth sorgsam vermiedene Begegnung der beiden zu packender Wirklichkeit. In Marainis heutiger, prosaischer Sprache erschließt sich ihr innerer Raum, der in Briefen und Träumen, in Monologen und imaginären Zwiegesprächen zu klingen beginnt. Ein Doppelportrait zweier legendärer Königinnen. Eine Geschichte von Macht, Liebe, Tod.

»Zwei stolze Frauen – sinnlich die eine, spöttisch die andere, machtbewußt aber beide – streiten, daß die Fetzen fliegen. Von dunkler Rasse ist Maria Stuart (Martina Guse in Taubenblau), hellen Teints Elisabeth I. (Sabine Bräuning in Mauve). Ihr Äußeres fügt sich wie Teile eines Puzzles zur Farbgestaltung des Bühnenbilds. Doch die harmonisierende Optik scheint zunächst das einzig Verbindende zwischen den Frauen. Im zerstörerischen Dialog erzählen Sie von beißendem Neid und quälender Mißgunst, von Intrigenlust und Machtmißbrauch. Regisseurin Barbara Stoll hat in ihrer Version der ›Maria Stuart‹ Texte von Dacia Maraini und Friedrich Schiller verwoben. Alter Duktus und moderne Sprache beschreiben zwischen verschnörkelten Kemenatentüren und Zyklopenmauerwerk-Verlies die inneren Kämpfe zweier Frauen, die sich historisch nie begegnet sind.« StN, 5.10.09

»Barbara Stoll hat für den Text zwei Schauspielerinnen ausgewählt, die auch im Kontrast zueinander die Gegensätze der beiden Figuren deutlich herausstellen. Hier Sabine Bräuning, die eher kühle, pflichtbewußte Elisabeth, die stets auch mit den Entscheidungen hadert, die sie zu treffen hat. Daneben Maria, die gefangene Königin, stets weit mehr von ihren Leidenschaften geleitet, die Schöne, die Männermordende. Gespielt wird sie von der wunderbaren Martina Guse.
Im Zusammenspiel schaffen es die beiden, mit fein nuanciertem Spiel dem sehr textlastigen Werk ungemein viel Leben einzuhauchen. Sie füllen die Räume aus, die Stoll ihnen bietet. Diese wiederum trägt mit einer auf dichte Handlung und Sprache bedachten Inszenierung zum Gelingen bei. Diese komprimierte Form, in der zielsicher alles gesagt wird, was gesagt werden muß, sieht die wohltuende Kürze, den Verzicht auf Breittreten und Wiederholungen, als Tugend und es ist nicht nur eine Tugend, sondern eine Wohltat.
So erfährt man in den 60 Minuten dieser Aufführung wesentlich mehr über die beiden Königinnen, sieht mehr in ihre Beweggründe, als das gemeinhin bei Schiller-Aufführungen möglich ist. Und deshalb ist diese Inszenierung auch gelungen. Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil die schwierige Dramaturgie, die Sprünge über verschiedene Ebenen der Texte, daraus keinen Selbstläufer machen.« Ludwigsburger Kreiszeitung, 5.10.09

»Daß das Ganze nicht zur kryptischen, bildungsbürgerlichen Zitat-Collage wird, dafür sorgt das konzentrierte Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen. Sabine Bräuning überzeugt als Elisabeth, die sie in einem wundervollen Mix aus Margaret Thatcher und der heutigen Queen Elizabeth gibt. Streng, beherrscht, aber auch sensibel, um sich gleich wieder mit harter Selbstdisziplin zu fangen. ›Heiraten? Ich bin doch nicht pervers!‹, sagt sie. […] Mit intensiver Präsenz übernimmt Martina Guse als Maria den leidenschaftlichen Gegenpart zur jungfräulichen Herrscherin. Stolz, aber langsam vertrocknend, schmachtet die Thronanwärterin 19 Jahre als Gefangene ihrer Cousine. Bis sie auf deren Befehl den Kopf verliert.« Kultur, November 09

»Am Ende des Abends sitzen beide vereint nebeneinander. Wie zwei Freundinnen, die sich an alte Zeiten erinnern, Vergangenes vorüberziehen und verträumt ihre Beine schaukeln lassen. Ein großartiger Epilog, nachdem es zuvor zwischen den beiden Antipodinnen hoch hergegangen war und jede von ihnen eine Art Psychoanalyse durchgemacht hat.
›Ich bin Dein Spiegel‹, sagt Elisabeth zu Beginn des Stückes und spricht damit aus, was in Dacia Marainis mikroskopierender Fortspinnung von Schillers ›Maria Stuart‹ Programm ist: im Hass auf die jeweils andere seiner selbst bewußt zu werden. In der Psychologie würde man beim versöhnlichen Stückfinale von einer geglückten Integration alles Verdrängten sprechen, besonders im Fall von Elisabeth. Mit der Katastrophe […] kommt bei Maraini auch die Lösung: der Hass ist zum Ausbruch gekommen und hat seinen Wert verloren. Am Ende steht, siehe oben, geschwisterliches Beineschaukeln.
Es ist eine akkurate Seelenschau, die im Stuttgarter Forum-Theater durchgeführt wird: Unter der Regie von Barbara Stoll zieht sich das Integrierende des Schlusses durch den ganzen Abend.« StZ, 5.10.09