Der Tausch

Der Tausch

von Paul Claudel

An der nordamerikanischen Ostküste treffen sich zwei junge Paare: Louis Lane und seine Frau Marthe, die aus Europa durchgebrannt sind und einer ungewissen Zukunft entgegensehen, sowie Thomas Pollock Nageoire, ein erfolgreicher Geschäftsmann, und Lechy Elbernon, eine leichtlebige Schauspielerin. Das eine Paar ist arm, das andere reich. Die einen leiden unter Existenzangst, die anderen langweilen sich. Es scheint, als ob man beides ändern könnte, wenn man aus der eigenen Beziehung ausbricht und einen Tausch macht. Aber kann man einen Menschen wirklich tauschen?
Paul Claudel, einer der einflussreichsten und umstrittensten Dramatiker des 20. Jahrhunderts, schrieb dieses Stück als Fünfundzwanzigjähriger, während er 1893/94 in New York und Boston aus der Perspektive eines tief gläubigen Franzosen den ungezwungenen Materialismus der Amerikaner erlebte. Dementsprechend schildert er hier nicht eine frivole ménage à quatre, sondern erforscht die noch stets faszinierende Frage: Was sind Werte? Gibt es zu jedem Wert auch einen Gegenwert? Was ist käuflich und was unverkäuflich, was wird uns geschenkt und wofür müssen wir bezahlen – vielleicht sogar mit unserem Leben?

»Die Aufführung fordert Geduld. Geduld zu hören und zu schauen. Wer sie ins Forum Theater mitbringt, erlebt einen faszinierenden Theaterabend. Fast drei Stunden lang fängt die Inszenierung die Begegnung zweier Paare und die Musikalität ihrer poetischen Sprache mit dichten, langsamen Bildern ein. Zwar tendieren diese nach der Pause mitunter zur Monotonie, insgesamt indes gelingt es Regisseurin Beatrice Scharmann mit ihrem überzeugenden Darstellerquartett, in Paul Claudels 1914 uraufgeführtem Prosadrama ›Der Tausch‹ Befindlichkeiten zu entdecken, die ins Heute reichen: Alles muss sich vermarkten lassen. Selbst die Liebe.
Mit lakonischer Genauigkeit beobachtet die Regisseurin, wie Gefühle verramscht werden. Im Forum Theater erscheinen die vier Protagonisten des Handels wie Elementarteilchen menschlicher Widersprüche. Ausstatter Michael Zimmermann setzt sie in einer kunstvollen Seelenlandschaft aus: Ein weitläufiger Strand aus rohen Brettern, Symbol archaischer Bodenständigkeit und rigider Religiosität, mündet in ein azurblaues Meer. Hier leben der reiche Geschäftsmann Nageoire (Michael Ransburg: ein charmant-lässiger Zyniker) und seine arrogante Geliebte Lechy (Magdalena Scharler), der Naturbursche Louis von Anton Korppi-Tommola, der sich durch Geld und Lechy verführen lässt, und seine Frau Marthe (Sarah Kühl), die ihrem Mann die Luft zum Atmen nimmt. Am Ende erstarrt diese ›viergeteilte Seele‹ (Claudel) zu einer Skulptur der Beziehungsunfähigen.« StN, 19.01.13

»So holzschnittartig Paul Claudel seine Figuren zeichnet, so dichterisch frei gestaltet er ihre Reden. Selbst in der deutschen Übersetzung spürt man in Wortwahl und Duktus der Sprache Untertöne, die, mal lyrisch, mal biblisch, die Charaktere formen. Marthe antwortet auf die von Thomas und Lechy an sie gerichteten Fragen einsilbig, wohl wissend, dass eine Verständigung unmöglich ist. Umso wortreicher und drängender erleben wir Marthe, wenn sie Louis beschwört, dass alles so bleiben müsse, wie es ist.
Sarah Kühls Marthe folgt konsequent dem Bild des Autors von einer schlichten jungen Frau, die sich in ihrem Tun und Denken allein von ihrem Glauben an eine göttliche Weltordnung leiten lässt. Der Regie (Beatrice Scharmann) gelingt es, dem Kontrast zwischen den Rivalinnen in ihrer Liebe zu Louis eine Absolutheit zu geben, die auch abgekoppelt vom unbeugsamen Katholizismus Claudels Sinn macht. Wenn Marthe einem inneren Gesetz folgt, so gibt es bei Lechy (Magdalena Scharler) nur den roten Faden einer Gefallsucht. Ein Leben, das sich im Bemühen um Aufmerksamkeit erschöpft, so verkündet uns der Dichter, kann nur im Chaos enden.« Kultur, März 13