Der Bär / Der Heiratsantrag

Der Bär / Der Heiratsantrag

von Anton P. Tschechow

Die Liebe ein Ort seliger Harmonie? Der Heiratsantrag ein Augenblick lustvoller Aufregung? Weit gefehlt: in Tschechows russischer Provinz wird der Geschlechterkampf mit allen Mitteln ausgetragen und jeder Streit bis zum Duell mit amerikanischen Revolvern oder zumindest bis zur Ohnmacht durchgefochten. Und dennoch: Ein Kuss, dann Schluss – Champagner!
›Der Bär‹ war für den Seelenkenner Tschechow schlicht ein »Scherz«, den ›Heiratsantrag‹ nannte er ein »Vaudevillechen«, zu Deutsch: ein flotter Schwank. Mit beiden Stücken hat er großartige kleine Komödien voll boulevardeskem Charme geschrieben.
Im ›Bär‹ geraten ein in Beziehungsfragen grandios unbegabter Gutsbesitzer und eine trauernde Witwe wegen einer Schuld aneinander, die sie von ihrem unzuverlässigen Ehemann geerbt hat, und sind schon kurz davor, sich gegenseitig erschießen zu wollen, verlieben sich dann aber doch ineinander. Im ›Heiratsantrag‹ wiederum verfallen ein hypochondrischer Junggeselle und seine zukünftige Frau trotz gegenseitiger Zuneigung von einem Streit in den nächsten, um sich dann überfallartig das Ja-Wort zu geben.
Ein Beitrag zur gutbürgerlichen Streitkultur und ein gefundenes Fressen für Schauspieler – und, wie es das Vaudeville liebt, mit Musik!

»Da wird geliebt, gejammert, geheult und gestritten. Hier möchten sich zwei erst erschießen, dann küssen; dort löst der Versuch, der begehrten Frau einen Antrag zu machen, einen Streit nach dem nächsten aus. Diese wahnwitzigen Wendungen und Dialoge kann man eigentlich nur so überdreht spielen, wie es Martina Guse, Maarten Güppertz und Günther Seywirth im Forum Theater tun. […] Der Spaß an den komischen Stoffen ist den Schauspielern anzumerken und überträgt sich sofort aufs Publikum. Gesang und Klavierbegleitung runden die Vorstellung ab.« StZ, 22.01.11

»Das hat Anton Tschechow seine Bühnenmenschen perfekt gelehrt: Mit pompöser Sehnsucht warten Sie auf das große Glück. Doch wenn es ihnen begegnet, behandeln sie es als unerwünschten Eindringling in ihre Einsamkeit. In den Einaktern ›Der Bär‹ und ›Der Heiratsantrag‹ führt das zu hoch komischen Turbulenzen. Wie die Liebe als Gefühlsblase beim Streit um Besitz und Geld platzt, zeigt Dieter Nelles Inszenierung im Forum Theater fein ausgewogen zwischen Ironie, handfestem Boulevard und der tragischen Hilflosigkeit der Tschechow-Figuren. […] Dabei beweisen die drei Schauspieler ihre Wandlungsfähigkeit als Komödianten mit der Fähigkeit zur Pose. Am Klavier gekonnt begleitet von Joachim Bilek, zitieren sie mit tränensattem Gesang das Klischee vom Pathos der russischen Seele zwischen ›Schwarze Augen‹ und ›Kalinka‹.« StN, 22.01.11

»Lieben, Jammern, Streiten, Hassen, all das gehört zum Repertoire der Darsteller. Selbst in den absurdesten Dialogwendungen behalten sie die Übersicht und meistern die Gratwanderung zwischen Pathos und Komik. […] Immer einen Tick zu forsch, zu aufgedreht agieren die drei Darsteller Martina Guse, Maarten Güppertz und Günther Seywirth. Genau damit treffen Nelle und seine Akteure aber den Nerv des kleinen Schauspiels, das mehr will als nur oberflächliche Komik. Denn Tschechow nutzt das derbe Kammerspiel zur Kritik am russischen Kleinadel seiner Zeit, der sich selbst mit Pomp inszeniert und wahre Gefühle hinter rein materiellen Erwägungen verbirgt oder zugunsten monetärer Kalküle aufgibt. […] Joachim Bilek ist in dieser unterhaltsamen Produktion der Mann am Klavier, der für die satte, tränenreiche Melancholie der russischen Seele ebenso den rechten Ton anschlägt wie auch die drei vorzüglichen Schauspieler, von denen Martina Guse am überzeugendsten den Gesangspart mit ihrem satten Mezzo-Timbre gestaltet. Keine Pose ist ihr und ihren beiden männlichen Kollegen fremd, kein Tremolo in der Stimme zu schade. Berührungsängste kennt das komödiantische Trio nicht, was entschieden zum Gute-Laune-Faktor des Abends beiträgt.« Kultur, März 11