Agamemnon

Agamemnon

von Aischylos

Als König Agamemnon nach dem Ende des Trojanischen Krieges in seine Heimatstadt Mykene zurückkehrt, liegt Unheil in der Luft. Denn Klytaimestra, seine Frau, hat nach Ansicht der Bürger die Stadt während seiner zehnjährigen Abwesenheit schlecht verwaltet, und die Verluste des Krieges haben den Unmut verschärft. Von Agamemnons Rückkehr erhoffen sich deshalb die Bürger eine Wiederherstellung der alten Ordnung, zugleich empfängt ihn offene Kritik an der Entscheidung, überhaupt den Krieg geführt zu haben. Tatsächlich scheint der durch leidvolle Erfahrungen geläuterte König dem Volk in Zukunft mehr Mitsprache gewähren zu wollen. Aber die Aussicht auf demokratische Reformen wird zerstört. Weil er seine Tochter Iphigenie einst der Staatsraison geopfert hat, wird Agamemnon hinterrücks von Klytaimestra ermordet, die nun zusammen mit seinem Erzfeind Aigisthos eine Tyrannis errichtet.
Diese politischen Motive, die auch nach zweieinhalb Jahrtausenden an Aktualität noch nicht verloren haben, sind eingebettet in ein Weltbild, in dem durch alle Grausamkeit und Düsternis hindurch der Glaube an die Gerechtigkeit des Schicksals und an den Sinn des Lebens tröstlich schimmert: »Selbst in die Träume / tropfen die Sorgen, sie können das Leid nicht vergessen / und rinnen zum Herzen und leideingedenk / wächst ohne Willen / ein weises Urteil. / Dies ist die gütige Gabe der Götter, die / erhaben am Weltruder thronen.«

»Benno Schulz als Wärter in ängstlicher Erwartung des aus zehn Jahren Krieg zurückkehrenden Königs, Maarten Güppertz als von der Euphorie des Augenblicks erfaßter Herold, der den Untergang Trojas dem zweifelnden, erschöpften Volk verkündet, Elisabeth Auers Klytaimestra, die den blutroten Vorhang zum tückischem Willkommensgruß für Agamemnon auf den Stufen der Bühne drapiert, Schirin Brendels unheilvolle Kassandra, die in ihren Visionen von Gattenmord und Muttermord schon die zukünftigen Gräuel der Atriden-Trilogie vorweg nimmt: sie alle widmen sich den Versen des Dramas genauso intensiv wie deren mimischer und gestischer Gestaltung.
Güppertz ist ein herrischer Agamemnon, der auf Auers leidenschaftliche, tödliche Entschlossenheit trifft, und Schulz’ Chor-Persona und Aigisth zeigen eine starke Wandlungsfähigkeit im Rollenwechsel, die übrigens auch Brendel auszeichnet. Mit kargen Mitteln von Bühnenbild und Kostümen (Claudia Rüll Calame-Rosset) erreicht David Gravenhorsts Inszenierung eine nachhaltige Wirkung, die ganz von der präzisen Sprache und vom Körperausdruck der Schauspieler getragen wird. Auf die Fortsetzung des Atriden-Projekts im Forum-Theater darf man gespannt sein.« Kultur, November 11»Schirin Brendel ist eine überzeugende Kassandra. […] Assoziationen zur Gegenwart tun sich auf, wenn Brendel sagt, die Habsucht, mehr zu wollen als es darf, sei Ursache von Krieg und Mord, Plünderung der Sieger und Rache der Besiegten. In die Stille des Publikums spricht Maarten Güppertz den antiken Heimkehrer-Monolog wie einen aktuellen Kriegsbericht: Ein Bild von Winterfrost und Hitze, dem Gestöhn der zusammengepferchten Männer.
Die Geschichte der Menschheit als Summe vieler Verfehlungen: Auch wenn zum Schluß dieses textlich klug verdichteten, sinnlichen Theaterabends Klytaimestra und ihr neuer Partner Aigisthos (Benno Schulz) den Willen zum Gesetz bekennen – die Geschichtsschreibung sagt das Gegenteil.« StN, 24.10.11